Folgende Situation: Ihr sitzt nach einem trubeligen Tag abends auf Eurer Yogamatte, mitten im Wohnzimmer, der Wäscheständer noch halb voll, irgendwo nebenan läuft die Spülmaschine und trotzdem
ist es vielleicht einer der ruhigsten Momente der gesamten Woche. Denn das, was zählt, ist, dass Ihr es auf die Matte geschafft habt. Zwar "nur" in den eigenen vier Wänden, dafür aber ohne
stressige Anfahrt, nerviges Parkplatzsuchen oder diesen ständigen Blick auf die Uhr, weil der Kurs im Yogastudio ja immer sehr pünktlich startet. Zwischen dem letzten Geschäftstermin und dem
Abendessen gibt es nur Euch, Euer Kissen unter den Knien und fünf Minuten im Schmetterling... Findet Ihr Euch hier irgendwo wieder?
Natürlich freue ich mich immer über jede Einzelne, die die Anreise ins Yogastudio auf sich nimmt. Aber wie hat es eine meiner Yogalehrerinnen immer schon so schön gesagt? Wenn man erst einmal den
Weg auf die Matte geschafft hat, sind damit schon 80 Prozent erledigt. Und wo man die Matte schlussendlich ausrollt, ist dann ja auch erst einmal zweitrangig. Nur wie überhaupt starten, wenn es
mal wieder zu knapp für's Studio war und man vollkommen auf sich alleine gestellt ist? Genau an dieser Stelle kommt Yin Yoga ins Spiel...
Wir leben in einer Zeit, in der schon der Gedanke an "nur noch eine einzige, winzigkleine Verpflichtung mehr" reicht, um innerlich die Augen zu verdrehen. Und auch bezogen auf die Yogapraxis sind
die damit verbundenen Hürden, wie das Umziehen, Autofahren, Parkplatzsuchen usw. für manche genau der Punkt, an dem die gute Absicht sang- und klanglos im Alltag untergeht. Dabei braucht Eure
eigene Yogapraxis im Prinzip nichts davon. Lediglich eine Matte, vielleicht ein Kissen und eine Decke. Mehr nicht. Und mal ehrlich, Hand auf's Herz: Wann habt Ihr das letzte Mal fünf Minuten
lang einfach nur dagelegen, ohne Handy, ohne To-do-Liste im Kopf, ohne das Gefühl, wieder irgendetwas leisten zu müssen?
Was Yin Yoga so besonders macht
Während wir im Hatha oder Vinyasa Yoga viel in Bewegung sind, geht es im Yin Yoga eher um das Zur-Ruhe-Kommen. Wir gehen in die erste Haltung – sagen wir den Schmetterling oder die Raupe – und
bleiben. Drei Minuten. Vier Minuten. Fünf Minuten. Manchmal länger. Wir verweilen, bis auch der letzte Muskel endlich losgelassen hat und die tieferen Bindegewebsschichten aka Faszien erreicht
werden. Dieses ganze Konstrukt, das im Rahmen einer dynamischen Praxis oft gar nicht richtig ins Loslassen kommt.
Was der Verstand dann realtiv schnell meldet: Es ist unbequem. Zumindest am Anfang. Warum? Weil wir es nicht gewohnt sind, einfach zu bleiben und auszuharren. Aber genau in diesem Moment passiert
etwas nahezu Magisches: Der Kopf wird langsamer und die Gedanken sortieren sich, bis Ihr irgendwann bemerkt, dass Ihr tatsächlich angekommen seid. Ganz bei Euch.
Und dazu braucht es wirklich nicht viel:
- Eine ruhige Ecke - weder 100%ig aufgeräumt noch "instagramable"
- Ein paar Hilfsmittel, die 'eh schon vorhanden sind - Kissen, Decken, ein dickes Buch als Block-Ersatz
- Einen Wecker (kein Handy!) - auf drei bis fünf Minuten pro Haltung getimed, um nicht ständig auf die Uhr schauen zu müssen
- Eine Absicht, ohne Ehrgeiz - es geht ums Bleiben und nicht ums Dehnen bis zum Anschlag
Und dann: Einfach anfangen. Keine perfekte Routine, kein 90-Minuten-Programm. Schon 15 Minuten, drei oder vier Haltungen reichen bereits, um etwas zu verändern.
Meine Top 3 Yin Yoga Asanas für zu Hause
Falls Ihr jetzt denkt "das hört sich ja im Prinzip alles super an, aber womit beginne ich denn jetzt ganz konkret?" kommen hier meine drei liebsten Yin Haltungen, mit denen ich selbst so oft in meinen wohlverdienten Feierabend starte:
1. Der Schmetterling
Kommt dazu zunächst in einen aufrechten Sitz, gebt die Fußsohlen aneinander, so dass die Knie zur Seite nach außen fallen. Lasst dann den Oberkörper langsam nach vorne sinken, so weit, wie es
sich gut und vor allem entspannt anfühlt. Tipp: ein Kissen unter den Knien nimmt Spannung aus den - vielleicht noch nicht so beweglichen - Hüftgelenken. Bleibt drei bis fünf Minuten hier und
lasst den Atem einfach fließen. Diese erste Asana öffnet ganz wunderbar die Hüften, entspannt den unteren Rücken und ist so etwas wie ein Reset-Knopf nach einem anstrengenden und trubeligen Tag.
2. Die Raupe
Als nächstes kommt in einen Sitz mit lang ausgestreckten Beinen und rollt den Oberkörper langsam Wirbel für Wirbel nach vorne. Die Arme liegen locker und entspannt wahlweise neben oder auf den
Beinen. Wichtig: hier geht es nicht darum, die Zehen zu berühren, sondern vielmehr darum, dass die Wirbelsäule loslassen kann. Bleibt auch hier wieder für drei bis fünf Minuten - gerne auch mit
einer gerollten Decke unter den Knien.
3. Die liegende Taube
Bringt aus dem Vierfüßlerstand ein Knie angewinkelt nach vorne zwischen die Hände und streckt das andere Bein mit abgelegtem Fußrücken lang nach hinten aus. Lasst den Oberkörper über das
angewinkelte Bein nach vorne sinken und legt den Kopf auf die übereinander gelegten Händen. Für mich eine absolute Lieblingshaltung, wenn es darum geht, vollkommen loszulassen. Tipp: falls die
Hüfte des hinteren, ausgestreckten Beins nicht ganz auf dem Boden kommt, einfach ein Kissen unter die Gesäßhälfte schieben.
Wichtig bei allen drei Übungen: Ein Gefühl der intensiven Dehnung ist vollkommen in Ordnung - achtsam und vor allem ohne Schmerz!
Was ich Euch zum Schluss noch mitgeben möchte: Betrachtet Yin Yoga bitte nicht als Notlösung für den Fall, dass Ihr es gerade nicht ins Studio schafft. Yin Yoga ist eine eigene, vollwertige
Praxis – vielleicht sogar die ehrlichste von allen! Kein Vergleich mit der Matte nebenan, kein ständiges Bewerten und keine Ablenkung. Nur Ihr selbst und Euer Atem, mitten im ganz normalen Chaos
des Alltags.
Also rollt vielleicht direkt heute Abend einfach die Matte aus. Mitten im Wohnzimmer, mit Wäscheständer und allem drumherum. Für drei Minuten. Nur Ihr und Eure Praxis. Deal?
#yinyoga

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